Das Malheur mit dem Open Source

Christian Kruse,

Wie sicherlich einige bereits mitbekommen haben, habe ich das CForum-Projekt momentan erstmal geschlossen. Das ist, auch wenn einige das anders vermuten, keine Kurzschluss-Reaktion sondern halt schwerwiegende Gründe.

Der Hauptgrund für mich ist erstmal, dass es eindeutig zu viele Nörgler gibt. Ich hatte das an verschiedenen Stellen ja schon mal angedeutet. Es ist wirklich übel, ich bekomme jeden Tag zwischen einer und fünf E-Mails, in denen gemeckert und gemault wird. „Warum hast du das in C geschrieben, das ist ja wohl bescheuert?!”, „Warum hast du das als Client-Server gebaut?! Viel zu kompliziert!!”, blah, blah, blah. Das nervt. Das nervt gewaltig. Man hat das Gefühl, die geleistete Arbeit (in diesem Fall immerhin etwa vier Jahre Entwicklungszeit) würde nicht gewürdigt und man schreibt alles nur, um hinterher dafür blöd angemacht zu werden. Ich halte also fest: Punkt 1 sind die überhand nehmenden Nörgler.

Punkt 2 ist für mich die ständige absichtliche Nicht-Einhaltung der Kommunikationswege. Ich habe mehrfach und sehr häufig mehr als deutlich gemacht, Bugs hätte ich gerne im Bugtracker. Rausgekommen sind Reaktionen wie „Du meinst das unkompfortable Ding mit dem kaputten Design?” Ich meine, hallo?! Wo kommen wir denn da hin? Seid doch froh, dass ihr die Software benutzen dürft!

Punkt 3 ist für mich das völlige Desinteresse der Leute an der Entwicklung. Ich habe während der ganzen Zeit nur sehr wenig Hilfe bekommen. Die Hilfe, die ich bekam, die kam von Christian Seiler. An dieser Stelle nochmal vielen Dank an ihn. Nicht, jeder meckert, jeder mault, aber keiner reicht mal einen Patch ein oder bietet freiwillig mal seine Hilfe an. „Aber ich kann doch kein C!” ist keine Ausrede! Es gibt auch andere Aufgaben, die übernommen werden können! Man muss nicht C können, um zu helfen!

Jeena erzählte mir von sehr ähnlichen Erfahrungen. Er meinte, die einzigen Lichtblicke seien in den letzten 1½ Monaten geschehen, als zwei oder drei Leute Plugins für sein Jlog geschrieben haben.

Nachdem ich dann auch noch die Reaktionen auf die Spendengala von Gerrit gelesen habe, hab ich endgültig das „große Kotzen” bekommen. Da regen sich doch tatsächlich Leute darüber auf, dass er für ein paar Jahre Arbeit dann auch mal um Spenden für ein neues Notebook bittet. Ich meine, hallo?! Stellt euch doch mal vor, er würde die Arbeit gar nicht tun.

So langsam komme ich immer mehr zu dem Eindruck, dass Open Source zumindest in Europa nicht funktioniert. Es sieht mir so aus, als sei die Erwartungshaltung zu stark ausgeprägt, Eigenleistung ist de facto nicht vorhanden. Keiner ist bereit, Arbeit zu investieren, es läuft letztlich darauf hinaus, dass man zwar froh ist, eine Software umsonst benutzen zu können, aber nicht bereit ist, dafür auch Arbeit zu investieren. Sehr schade, finde ich, sehr schade.

Für mich stellt sich jetzt die Frage, was ich jetzt mit dem CForum weitermachen soll. Die für mich einfachste Lösung wäre sicherlich, das Projekt schlicht und ergreifend zu löschen. Kein Ärger mehr, die Nörgler-Emails werden einfach gelöscht und schon ist Ruhe im Karton. Aber es wäre auch eine Lösung, die mir etwa vier Jahre Arbeit zunichte macht. Ich könnte auch einfach weitermachen und so tun, als wäre nichts geschehen. Aber das ist keine Lösung des Problems. Eine Alternative wäre ein Lizenz-Wechsel. Vielleicht eine Lizenz in der Art der Collaborative Source-Lizenz. Bei der läuft es letztlich darauf hinaus, dass reine Nutzer Lizenzgebühren zahlen müssen, aber Leute, die Patches einreichen und/oder anderweitig am Projekt mitarbeiten sich von den Lizenz-Kosten „freiarbeiten” können. Eigentlich keine schlechte Idee. Vielleicht wäre auch eine völlig kommerzielle Lizenz angebracht. Aber bei der anscheinend weit verbreiteten Mentalität hier in Europa habe ich starke Zweifel, dass überhaupt eine der Lösungen zum Erfolg führen wird.

Alles in allem bin ich sehr enttäuscht von der europäischen Open-Source-Community. Bei einem anderen Projekt mit deutlich internationalerem Ziel-Publikum, dass ich eine Zeitlang betreut habe, sah das ganz anders aus. Ich bekam eigentlich regelmäßig Patches zugeschickt, Kritik wurde nur mit Lösungsansätzen gepostet und man bekam noch regelmäßig ein „Danke” zu hören.